Jüdische Geschichte Sennfelds
Die Anfänge jüdischer Ansiedlung in Sennfeld reichen vermutlich bis ins 17. Jahrhundert zurück, wobei die Gemeinde im 18. und 19. Jahrhundert ihre größte Blüte erfuhr. Die jüdischen Familien waren fest in das dörfliche Leben integriert und trugen maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung bei, insbesondere im Viehhandel, im Textilgewerbe und im Handel mit landwirtschaftlichen Produkten. Trotzdem blieben sie eine eigenständige kulturelle und religiöse Einheit mit ihren eigenen Traditionen und Institutionen.
Die Gemeinde verfügte über alle notwendigen Einrichtungen des jüdischen Lebens: eine Synagoge, eine Mikwe (rituelles Tauchbad), einen Friedhof, ein Schulzimmer und eine Lehrerwohnung im Synagogengebäude.
Im Jahr 1892 erreichte die jüdische Bevölkerung mit 193 Personen (um die 10% der Gesamteinwohnerzahl) ihren Höhepunkt. Mit dem späten 19. Jahrhundert setzte, wie in den meisten kleinen Gemeinden im ländlichen Raum, eine Abwanderung in größere Städte ein, was zu einem allmählichen Rückgang der Gemeindegröße führte.
Zeit des Nationalsozialismus
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 begann das tragische Ende der Sennfelder jüdischen Gemeinde. Im Jahr 1936, bereits unter den Vorzeichen der Ausgrenzung und Vertreibung, konnte noch das hundertjährige Bestehen der Synagoge gefeiert werden. Zwei Jahre später, in der Reichspogromnacht am 10. November 1938 wurde der Innenraum von SA-Männern zertrümmert, die Kultgegenstände und Gebetsbücher auf die Straße geworfen und in Brand gesetzt.
Hachschara
Ein weniger bekanntes, aber ebenso bedeutendes Kapitel des jüdischen Lebens in Sennfeld war die Hachschara. Hachschara (hebräisch für „Vorbereitung" oder „Schulung“) bezeichnete die Vorbereitung junger Jüdinnen und Juden auf die Auswanderung, insbesondere nach Palästina (Eretz Israel). Angesichts der zunehmenden Diskriminierung und Verfolgung durch das NS-Regime ab 1933 gewann die Hachschara reichsweit immens an Bedeutung.
In Sennfeld wurde im Jahr 1937 eine Hachschara-Stätte eingerichtet, die von der arbeiter-zionistischen Jugendorganisation betrieben wurde. Junge Jüdinnen:Juden, oft aus städtischen Gebieten, kamen nach Sennfeld, um sich auf ein landwirtschaftliches oder handwerkliches Leben in Palästina vorzubereiten. Sie erlernten praktische Fähigkeiten wie Acker- und Gartenbau, Viehzucht oder ländliche Hauswirtschaft, um in der neuen Heimat eine Existenz aufbauen zu können. Gleichzeitig wurden sie in hebräischer Sprache und zionistischer Ideologie unterrichtet.
Die Hachschara in Sennfeld bot den Jugendlichen eine wichtige Aufgabe und Perspektive in einer immer feindlicher werdenden Umgebung. Sie schuf eine temporäre Gemeinschaft, in der Hoffnung, Selbstbehauptung und Widerstandsfähigkeit im Vordergrund standen. Für viele von ihnen war die Hachschara in Sennfeld die letzte Station vor der Flucht aus Deutschland und dem Neuanfang in Palästina. Die genaue Anzahl der Jugendlichen, die durch die Sennfelder Hachschara gingen, ist schwer zu bestimmen, aber im Gemeindearchiv finden sich noch die Meldelisten aller Personen, die länger als ein paar Tage anwesend waren. So lassen sich 49 Personen eruieren, die sich weiterbilden konnten, unterstützt u.a. von alteingesessenen Sennfelder jüdischen Familien. Die Hachschara-Stätte wurde wenige Wochen nach der Reichspogromnacht 1938 geschlossen. Nach der körperlichen Gewaltanwendung verbunden mit Todesdrohungen durch eine SA-Truppe am 10. November 1938 und verschiedenen diskriminierenden behördlichen Maßnahmen verließen die Jugendlichen Sennfeld nach und nach.